5. Qualität der Behandlung: ‘good practices’ zur bedürfnisorientierten Gesundheitsversorgung von MigrantInnen(-gruppen)

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Definitionen

Im Sinne des Bundesgesetzes zur Qualität von Gesundheitsleistungen (Gesundheitsqualitätsgesetz – GQG 2005) bedeutet Qualität den „Grad der Erfüllung der Merkmale von patientinnen- und patientenorientierter, transparenter, effektiver und effizienter Erbringung der Gesundheitsleistung. Die zentralen Anliegen in diesem Zusammenhang sind die Optimierung von Strukturqualität, Prozessqualität und Ergebnisqualität.“

In der Aufzählung der Qualitätsmerkmale steht PatientInnenorientierung an erster Stelle: „Im Sinne der Verbesserung der Lebensqualität sollen die jeweils betroffenen Menschen im Mittelpunkt der Entscheidungen und Handlungen stehen und befähigt werden, als Koproduzentinnen und Koproduzenten an diesem Prozess der Verbesserung der Lebensqualität teilzunehmen.“ (ibid)

Herausforderungen für Gesundheitsdienstleister

Die zunehmende ethnische und kulturelle Vielfalt in der Gesellschaft stellt Organisationen des Gesundheitswesens vor die Herausforderung, ihren Begriff von PatientInnenorientierung zu erweitern. Verschiedene Sprachen, kulturelle Unterschiede, verschiedene Vorstellungen bezüglich Gesundheit fordern neue Zugänge. Gleichzeitig bestehen seitens der MigrantInnen oft mangelnde Kenntnisse über das Versorgungssystem und seitens der Versorger mangelnde Kenntnisse über kulturell spezifische Bedürfnisse der PatientInnen. Als Konsequenz lässt der MigrantInnenstatus die Wahrscheinlichkeit adäquat versorgt zu werden, sinken. Auch für das Personal treten schwierige Situationen auf.

Bereits 2005 wird im Bericht „Interkulturelle Kompetenz im Gesundheitswesen“ des österreichischen Bundesministerium für Gesundheit und Frauen nachdrücklich festgestellt, dass Einrichtungen des österreichischen Gesundheitssystems zur adäquaten Betreuung von Personen mit Migrationshintergrund Entwicklungsbedarf auf struktureller und kultureller Ebene haben: „Großteils fehlt in den Führungsebenen der Krankenanstaltenträger und in der Verwaltung von Krankenanstalten die Akzeptanz der Notwendigkeit einer interkulturellen Integration. Es fehlen in dieser Hinsicht für Österreich jegliche Daten oder Erhebungen. Es fehlt insbesondere beim medizinischen Personal sowohl in der Aus-, Fort- und Weiterbildung das Wissen um das individuelle und zwischenmenschliche Verhalten von medizinischem Personal und PatientInnen in anderen Kulturkreisen, sowie das zwischenmenschliche Verhalten von Patient/innen und Angehörigen. Im Vordergrund stehen die Sprachprobleme, da die gesamte Kommunikation und Information zwischen medizinischem Personal und Migrant/innen schlecht und ungenügend abläuft. Es fehlen Dolmetscher.“ (BMGF 2005: 5).

Aufgrund der in Österreich niedrigen Zugangsschwelle sind Spitalsambulanzen insbesondere für Personen, die mit der Struktur der Gesundheitsversorgung wenig vertraut und/oder sozioökonomisch benachteiligt sind, der erste Eintritt ins Gesundheitswesen. Damit sind Krankenhäuser ein relevantes Setting für Problemanalyse und für die Entwicklung von adäquaten Lösungsansätzen für die qualitätsvolle Behandlung und Betreuung von PatientInnen mit unterschiedlichem ethno-kulturellen Hintergrund. Eine in Österreich initiierte Europäische Initiative zur Qualitätsentwicklung der intramuralen Versorgung von MigrantInnen ist das Projekt „Migrant Friendly Hospitals“:

„Migrant Friendly Hospitals“ – Ein Europäisches Projekt zur Qualitätsentwicklung ethnokulturell sensibler Betreuung

Im Rahmen des Europäischen Benchmarking-Projekts “Migrantenfreundliche Krankenhäuser“ setzten Pilotkrankenhäuser aus 12 EU-Mitgliedsstaaten mit der Unterstützung durch internationale ExpertInnen Initiativen zur Qualitätsentwicklung kultursensibler Strukturen und Leistungsprozesse. Das Kaiser Franz Josef Spital, Wien, nahm als Österreichisches Partnerkrankenhaus an der Initiative teil.

Das Gesundheitswesen verzeichnet nicht nur bei PatientInnen, sondern auch bei seinem Personal eine ansteigende ethnische und kulturelle Vielfalt. Die OECD nennt für Österreich 14,6% im Ausland geborene Ärzte und Ärztinnen und 14,5% im Ausland geborene Pflegekräfte im Jahr 2000 (Buchan 2008). Ausführlichere Daten und Studien finden Sie auf der Seite zum Thema Migration von Gesundheitspersonal.

Die ILO (International Labour Organization) berichtet, das dieser Arbeitsmarktsektor einer rapiden Globalisierung unterliegt, mit einer wachsenden Zahl migrantischer Arbeitskräfte in den Gesundheitsorganisationen der Aufnahmeländer. Gleichzeitig kann beobachtet werden, dass es in Industrieländern einen Mangel an ausgebildetem Gesundheitspersonal gibt, da die Nachfrage stärker zunimmt als das Angebot. Der Bedarf lässt sich allein über heimische Arbeitskräfte nicht mehr abdecken. Um den Bedarf des europäischen Arbeitsmarktes zu decken wird es von der EU als notwendig erachtet, qualifizierte Arbeitskräfte von außen anzuziehen und wirtschaftlich und sozial einzugliedern (Europäische Kommission 2006). Damit stehen Gesundheitsdienstleister vor einer weiteren großen Herausforderung: dem Management ihrer internen Diversität.

Migrationsspezifisches Diversitätsmanagement

In der Master Thesis „Migrationsspezifisches Diversitätsmanagement als neue Herausforderung für Gesundheitsorganisationen. Faktisch klar. Was sagt die Praxis?“ (Karl-Trummer 2010) wird eine erste Bestandsaufnahme darüber vorgelegt, welches Bild in der Praxis der österreichischen Gesundheitsversorgung zu Bedarf, Möglichkeit und Umsetzung von migrationsspezifischem Diversitätsmanagement gesehen wird. In der Arbeit werden mittels qualitativer Interviews erhobene Perspektiven von Entscheidungsträgern und BasismitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund zur Diskussion gestellt.


Literatur

Bundesgesetz zur Qualität von Gesundheitsleistungen (Gesundheitsqualitätsgesetz – GQG). Auszug aus dem Gesundheitsreformgesetz 2005, BGBl. I Nr. 179/2004 | www

Bischoff, Alexander (2006): Caring for migrant and minority patients in European Hospitals. A review of effective interventions. Neuchâtel: Swiss Forum for Migration and Population Studies | www

Die Amsterdamer Erklärung für migrantInnenfreundliche Krankenhäuser in einem ethnisch und kulturell vielfältigen Europa (2004) | www

Karl-Trummer, Ursula (2010): Migrationsspezifisches Diversitätsmanagement als neue Herausforderung für Gesundheitsorganisationen. Faktisch klar. Was sagt die Praxis? Where Evidence meets Reality: Views on Ethno-cultural Diversity Management for Health Care Organisations. ARGE Bildungsmanagement Wien pdf

Karl-Trummer, Ursula; Schulze, Beate; Krajic, Karl; Novak-Zezula, Sonja; Nowak, Peter; Pelikan, Jürgen M. (2006): SF_MFQQ: Short Form- Migrant Friendly Quality Questionnaire. Deutsche Fassung. Wien: LBIMGS pdf

Trummer, Ursula (2005): Migrant friendly hospitals – Ein Europäisches Projekt zur Qualitätsentwicklung ethnokultureller sensibler Betreuung in europäischen Krankenhäusern. In: Österreichische Pflegezeitschrift 3: 18–21 | www

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